Masthühner: Abschied vom Turbohähnchen
Norwegen verbannt als erstes Land die Genetik „Ross 308“ aus der Hähnchenmast – vor allem aus Gründen des Tierwohls. Und was passiert in Deutschland?

Norwegen hat als erstes Land der Welt die Genetik „Ross 308“ aus der Hähnchenmast verbannt. Der Grund für diese Entscheidung liegt hauptsächlich im Tierwohl, das durch die extrem schnelle Wachstumsrate der Tiere gefährdet ist. Diese Maßnahme hat nun auch internationale Aufmerksamkeit erregt und die Frage aufgeworfen, was passiert in Deutschland, wo die Nutzung dieser genetisch modifizierten Hühner weiterhin erlaubt ist.
Die Genetik „Ross 308“ stammt ursprünglich aus den USA und wurde in den 1950er Jahren entwickelt. Sie ist für ihre außergewöhnliche Wachstumsrate bekannt, die Hühner innerhalb von nur sechs bis sieben Monaten zu erheblichen Größen bringt. In der industriellen Hähnchenmast ist diese Genetik weit verbreitet, da sie eine hohe Produktivität und Rentabilität bietet. Allerdings haben zunehmend Kritiker und Tierschützer auf die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohl der Tiere hingewiesen.
In Norwegen hat eine umfangreiche Untersuchung der Tiergesundheitsbehörde ergeben, dass Hühner mit der Genetik „Ross 308“ häufig an schweren Krankheiten leiden, die ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dazu gehören Probleme mit der Atemwegsfunktion, Herzschwächen und stark verringerte Lebensdauer. Diese Erkenntnisse führten dazu, dass die norwegische Regierung im Jahr 2023 beschlossen hat, die Nutzung dieser Genetik in der Hähnchenmast zu verbieten.
Die Entscheidung Norwegens hat eine breite Diskussion über die Tierhaltungspraxis in Europa ausgelöst. In Deutschland ist die Nutzung der Genetik „Ross 308“ weiterhin erlaubt, obwohl auch hier ähnliche Bedenken bezüglich des Tierwohls bestehen. Tierschutzorganisationen wie die Deutsche Tierschutzbund und Greenpeace Deutschland haben wiederholt auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Genetik „Ross 308“ und ähnliche zu verbieten, um den Tieren ein angemessenes Leben zu ermöglichen.
In Deutschland ist die industrielle Hähnchenmast ein wichtiger Wirtschaftszweig, der rund 100.000 Arbeitsplätze sicherstellt und jährlich Milliarden von Euro umsetzt. Daher ist die Debatte über die Zukunft der Genetik „Ross 308“ hier besonders heftig. Landwirtschaftsverbände argumentieren, dass die Genetik wichtig ist, um die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hühnerproduktion aufrechtzuerhalten. Sie weisen darauf hin, dass alternative Genetiken möglicherweise nicht die gleiche Wachstumsrate oder Fleischqualität bieten.
Trotz dieser Bedenken gibt es auch Stimmen innerhalb der Branche, die eine Überprüfung der Genetik „Ross 308“ befürworten. Einige Hühnerzüchter und Wissenschaftler betonen, dass es möglich ist, durch gezielte Zucht und Verbesserungen in der Haltung die negativen Auswirkungen auf das Tierwohl zu minimieren. Sie sehen die Möglichkeit, alternative Genetiken zu entwickeln, die eine gute Balance zwischen Wachstumsrate und Gesundheit der Tiere bieten.
Die norwegische Entscheidung hat auch internationale Reaktionen ausgelöst. Einige Länder wie Schweden und Dänemark haben angekündigt, ihre eigenen Untersuchungen zur Genetik „Ross 308“ durchzuführen, während andere wie Frankreich und Italien bereits strengere Regelungen zur Tierhaltung eingeführt haben. In der Europäischen Union ist die Diskussion über eine Harmonisierung der Gesetze zur Tierhaltung und Genetik in der Hähnchenmast in vollem Gange.
In Deutschland bleibt die Zukunft der Genetik „Ross 308“ ungewiss. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die öffentliche Meinung und der Druck durch Tierschutzorganisationen dazu führen werden, dass die Regierung weitere Untersuchungen und möglicherweise auch Restriktionen einführen wird. Die Debatte über das Tierwohl und die industrielle Hähnchenmast wird weiterhin eine wichtige Rolle in der deutschen Landwirtschaftspolitik spielen.
Zusammenfassend zeigt die Entscheidung Norwegens, dass die öffentliche Meinung und wissenschaftliche Erkenntnisse über das Tierwohl zunehmend Einfluss auf die landwirtschaftliche Praxis haben. In Deutschland und anderen europäischen Ländern wird die Zukunft der Genetik „Ross 308“ und der industriellen Hähnchenmast wahrscheinlich weiterhin kontrovers diskutiert, während die Suche nach einer nachhaltigen und tierwohlfreundlichen Alternative fortgeht.










