Das Paradox der Untreue: „Treu zu bleiben, ist weder selbstverständlich noch leicht“
Fremdgehen ist verlockend, stürzt Beziehungen aber in tiefe Krisen. Es geht um Schuld, Integrität und Wahrheit. Hier spricht eine Paartherapeutin über die Frage: Lohnt sich das?

In der heutigen Gesellschaft, in der Freiheit und Individualismus hoch gehalten werden, ist die Treue in Beziehungen manchmal ein vergessenes Wort. Doch das Paradox der Untreue – die Verlockung, Beziehungen zu zerstören, um anschließend zu leiden – bleibt ein Thema, das immer wieder aufkommt. In einem Interview mit einer erfahrenen Paartherapeutin geht es um die Frage, ob es wert ist, die Grenzen zu überschreiten, und ob Treue wirklich selbstverständlich ist.
Die Therapeutin, die unter dem Pseudonym Dr. Elena Müller auftritt, betont, dass Untreue oft mit einer tiefgreifenden Unzufriedenheit in der aktuellen Beziehung einhergeht. „Manche Menschen glauben, dass sie glücklicher wären, wenn sie jemanden anderen hätten, der sie besser versteht oder mehr zu bieten hat,” erklärt sie. „Doch oft endet das mit einer noch tieferen Krise, weil die ursprüngliche Beziehung zerstört wird und die Schuldgefühle wachsen.”
Die Verlockung der Untreue liegt in der Illusion von Neuheit und Erfüllung. Es ist ein Weg, die eigene Identität neu zu definieren oder alte Wunden zu heilen. Doch die Realität ist oft härter. „Die meisten Menschen, die sich entscheiden, eine Affäre einzugehen, sind nicht wirklich glücklich in ihrer Beziehung,” sagt Dr. Müller. „Sie suchen nach etwas, das sie nicht finden können – oder sie fürchten, dass sie es nie finden werden.”
Die Frage, ob Untreue lohnt, ist komplex. Zum einen kann sie als Flucht vor der Verantwortung in einer Beziehung gesehen werden. Zum anderen kann sie als Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit mit der eigenen Existenz gelten. „Manchmal ist die Untreue ein Versuch, die eigene Würde wiederzuerlangen, die in der Beziehung zerstört wurde,” erklärt die Therapeutin. „Aber es ist selten die Lösung, die man sucht.”
Die Folgen von Untreue sind oft verheerend. Nicht nur die Beziehung leidet, sondern auch die beteiligten Menschen. Schuldgefühle, Vertrauensverlust und das Gefühl der Einsamkeit können jahrelang nachwirken. „Es ist ein Kreislauf des Leidens,” sagt Dr. Müller. „Diejenigen, die betrogen werden, müssen oft mit der Frage leben, ob sie etwas falsch gemacht haben. Diejenigen, die untreu sind, leiden unter der Angst, entdeckt zu werden, und unter der Schuld, die sie tragen.”
Treue ist also keineswegs selbstverständlich. Es ist eine bewusste Entscheidung, die mit Hingabe und Verantwortung verbunden ist. „Treue bedeutet, dass man bereit ist, die Höhen und Tiefen einer Beziehung gemeinsam zu erleben,” erklärt die Therapeutin. „Es bedeutet, dass man bereit ist, sich für die andere Person einzusetzen, auch wenn es schwierig ist.”
Die Therapeutin betont, dass es alternative Wege gibt, um in einer Beziehung glücklich zu sein. „Man muss lernen, die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren und die Kommunikation zu pflegen,” sagt sie. „Manchmal ist es notwendig, die Beziehung zu überarbeiten oder gar zu beenden, wenn sie nicht mehr funktioniert. Aber die Untreue ist selten der Weg dorthin.”
In der endgültigen Bilanz ist das Paradox der Untreue deutlich sichtbar. Es ist verlockend, doch die Kosten sind oft höher als die Gewinne. Treue, obwohl nicht immer leicht, bleibt oft die einzige wahre Lösung für eine gesunde und glückliche Beziehung. „Manchmal ist es schwierig, die Entscheidung zu treffen, aber am Ende ist es oft die richtige,” resümiert Dr. Müller. „Treue ist keine Garantie für Glück, aber es ist der Weg, um es gemeinsam zu finden.”









